Der deutsche Überfall auf Polen und Beginn des 2. Weltkrieges 1939 machte die Geheimhaltungsfrage von Geländeinformationen zur Schweiz für den Schweizer Generalstab zur dringlichen Angelegenheit. Bereits kurz nach Kriegsausbruch beobachteten Oberbefehlshaber Henri Guisan und der Generalstab, dass die deutsche Wehrmacht sich für Schweizer Karten interessierte. Über eine Berliner Tarnadresse dürfte sie gar gezielt Schweizer Kartenblätter bestellt haben. In der Schweiz herrschte zusätzlich ein Kartenmangel, was zusammen mit der Geheimhaltungsfrage dazu beitrug, dass der Bundesrat im Oktober 1939 den inländischen Verkauf, den Export und die allgemeine Wiedergabe von Karten der Schweiz bis 1945 gänzlich untersagte. Die Kartenhistoriker Martin Rickenbacher und Markus Oehrli zeigten auf, dass die Wehrmacht in den Kriegsjahren trotz Kartenzensur Karten zur Schweiz anfertigte. Doch wie gelang es der Wehrmacht vor und während des Zweiten Weltkrieges aktuelle Karten zur Schweiz zu produzierten?
Kartenmaterial auf Wikimedia
Die Sonderausgabe und Heereskarte der Schweiz sind auf Wikimedia Commons in hoher Auflösung frei verfügbar: Category:Swisstopo historic - Dossier Deutsche Heereskarte Schweiz - Wikimedia Commons
In der Kartensammlung des Bundesamtes für Landestopografie swisstopo befinden sich die von der Wehrmacht vor und während des Zweiten Weltkrieges publizierten Kartenwerke mit Bezeichnung Sonderausgabe und Deutsche Heereskarte. Als Vorlagen für die deutschen Karten der Schweiz dienten die Topografische Karte der Schweiz (Dufourkarte) im Massstab 1:100 000 und der Topographische Atlas der Schweiz (Siegfriedkarte) im Massstab 1:50 000 und 1:25 000. Im Februar 1938 veröffentlichte die Heeresplankammer unter der Leitung von Generalleutnant Gerlach Hemmerich (Chef des Karten- und Vermessungswesens des Heeres) eine erste Karte zur Schweiz im Massstab 1:300 000. Die Serie wurde im Februar 1940 fertiggestellt. Ende 1939 dürfte die Bestellung für eine Kartenserie im Massstab 1:25 000 erfolgt sein. Die bis 1943 produzierten Blätter waren Teil des Kartenwerkes mit Bezeichnung Sonderausgabe.
Doch die Abhängigkeit von Siegfriedkarten wurde für die Heeresplankammer bereits 1940 zu einem Problem. Dies aufgrund der mangelnden Verfügbarkeit und des Umstands, dass die Schweizer Vorlagen zum Teil bereits 10 Jahre alt waren. Zusätzlich benötigte die Wehrmacht Fixpunkte der 2. und 3. Ordnung, denn nur durch eine Verdichtung der Fixpunkte konnten die Feuerstellungen der Artillerie genau berechnet werden. Es mussten also aktuellere Daten zu Schweizer Geländeinformationen beschafft werden. Anweisungen vom Mai 1940 hoben hervor, dass Verzeichnisse und Karten in kantonalen Vermessungsämtern zu finden, unverzüglich auf dem Dienstweg eingereicht und in das Deutsche Kartenmaterial eingearbeitet werden müssen. Diese Anweisungen konnten kaum umgesetzt werden. Doch die Forderungen wurden akuter, als im Oktober 1940 die Angriffsplanung «Tannenbaum» auf die Schweiz beim Generalstab eingereicht wurde.
Mit Nachführung der Befestigungskarte Schweiz 1:300 000 im Mai 1941 und September 1942 wird klar, dass die Wehrmacht zumindest über begrenzte Möglichkeiten verfügte, Geländeinformationen zur Schweiz zu beschaffen. So wurden 1941 unter anderem Panzersperren, Strassensperren und Sprengobjekte markiert und auf der Nachführung von 1942 vermerkt, dass eingezeichnete Befestigungen auf bestätigte Meldungen und Bilder vor Ort zurückgehen. Befestigungsbauten im Reduit und an den Grenzen sowie Sperranlagen wurden beinahe lückenlos eingetragen. Doch die Spionage für das Deutsche Reich auf dem Boden wurde in der Schweiz bald zu gefährlich. Dies nachdem in der Schweiz einige Informationsbeschaffungsfälle, darunter die Weitergabe von Skizzen von Befestigungsanlagen, aufgeflogen waren und im September 1942 die ersten Todesurteile wegen Spionage für Deutschland verhängt wurden.
Die Besetzung Vichy-Frankreichs Ende 1942 und die alliierte Landung in Italien 1943 änderte die Kriegslage in den Nachbarstaaten der Schweiz. Somit stieg auch die Bedrohungslage für die Schweiz erneut. Die Abteilung für Kriegskarten – und Vermessungswesen beauftragte die Heeresplankammer im Juli 1943 die Heereskarte zur Schweiz im Massstab 1:25 000 auf das ganze Land ausgeweitet als neue Version zu produzieren. Die Kartenblätter wurden neu mit dem Deutschen Heeresgitter ausgestattet. Im August 1944 brachte die Abteilung für Kriegskarten- und Vermessungswesen die ersten Blätter der erstmals flächendeckenden 1:25 000 Kartierung der Schweiz in Umlauf. Von den 254 Blättern sind heute noch 186 nachweisbar.
Im Vergleich zur Sonderausgabe verfügte die Heereskarte nicht nur über das neueingeführte Gitter, sondern wurden die Blätter teilweise mit aktuellen Geodaten nachgeführt. Doch wie gelang dies, nachdem die Spionage auf Schweizer Boden bereits Ende 1942 zurückgefahren wurde? Tatsächlich flog die Deutsche Luftwaffe ab 1943 aufklärende Fotoflüge auf Schweizer Gebiet, um die Karte in 1:25 000 zu aktualisieren. Die Flüge erfolgten stichartig bis zu 15 Kilometer über die Grenze hinaus. Dies führte dazu, dass die Heereskarte in Grenzgebieten aktueller war als Schweizer Ausgaben der Zeit.
Die Blätter der Heereskarte der Schweiz fügten sich in die allgemeine Kartenproduktion des Dritten Reichs während des Krieges ein. Die Gestaltung der Blätter richtete sich nach dem 1943 entworfenem Musterblatt für Deutsche Heereskarten, welches die Schriftgrössen und Gestaltungsdetails vorgab. Im Gegensatz zur Siegfriedkarte wurden die Kartenblätter zweifarbig, in blau und schwarz gestaltet, wobei diese mit diversen blauen Farbtönen für Gewässer ergänzt wurden. Die Kartenbilder der Sonderausgabe und Heereskarte der Schweiz glichen in der Darstellung und Erscheinung den Heereskarten zu anderen Ländern, darunter Karten zu Polen, der Ukraine, Dänemark, Marokko, Russland und dem Irak.
Die Blätter zur Schweiz stechen vor allem durch ihre Aktualität bezüglich des inhaltlichen Nachführungsstandes hervor. Eine 2003 von Oehrli und Rickenbacher durchgeführte Untersuchung zeigte, dass die Heereskarte in Grenzgebieten Gebäude vermerkte, welche in der Siegfriedkarte und den Akten der lokalen Nachführungsgeometer noch nicht eingetragen waren. So zeigt eine Analyse des Kartenblattes von Liestal, dass das Kartenblatt der Heereskarte im Gegensatz zum Kartenblatt der Sonderausgabe ca. 130 zusätzlich neueingetragene Objekte aufführte und so die aktive Nachführung der Kartenblätter dokumentiert. Beispielsweise wurde das markante Gebäude der Psychiatrie Baselland oberhalb des Schriftzuges Hasenbühl und zahlreiche Objekte nördlich des Eglisacker und rund um Liestal neu aufgeführt. Da zum Beispiel die Anstalt auf dem Siegfriedblatt Liestal erst ab 1940 eingetragen wurde, bleibt offen, ob das Schweizer Kartenblatt trotz Verkaufsverbot in deutsche Hände geraten war, oder ob die Information auf Aufklärungsflüge zurückzuführen sind. Einige militärische Geheimnisse der Schweiz blieben dem Dritten Reich aber auch trotz Bemühungen verborgen. Die Flugplätze in Turtmann und Ambri-Piotta wurden in deutschen Karten nicht dokumentiert.
Bei einem allfälligen Überfall auf die Schweiz hätte die Wehrmacht in einigen Grenzregionen tatsächlich über aktuelleres Kartenmaterial verfügt als die Schweizer Armee. Die Aktualität der deutschen Kartenblätter der Schweiz zeigt, dass es sich bei der Heereskarte um weit mehr als eine Zusammenstellung bestehender Karten der Schweiz handelt. Nicht nur vereinheitlichte die deutsche Generalstabsabteilung den Kartenmassstab und ersetzte das Schweizer Koordinatensystem durch eigene Raster, sondern produzierte dabei auch das erste umfassende Kartenwerk der Schweiz im Massstab 1:25 000. Als historische Quelle kann das Kartenwerk, trotz zahlreichen Spekulationen, nicht beweisen, ob das Dritte Reich bei einem anderen Kriegsverlauf einen Angriff auf die Schweiz beabsichtigte oder nicht. Viel mehr dokumentiert das Kartenwerk, dass die Schweiz in eine geopolitische Gesamtbetrachtung einbezogen wurde und beleuchtet den Spionage-Effort, der die Abteilung für Kriegskarten- und Vermessungswesen aufbrachte, um aktuelle Karten für die Wehrmacht zu fertigen. Die Nachführung und kontinuierliche Produktion des Kartenwerkes bis zum kompletten Kollaps des Dritten Reichs bezeugt die bis zum Ende mit aller Kraft weitergeführte deutsche Kriegsführung.
Philippe Frei ist Leiter der historischen Kartensammlung von swisstopo.
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