Um 1950 stand die Landestopografie in der Kritik. Die Herstellung der Karten sei zu teuer und zu kompliziert. Karten wurden damals aus einer Mischung von neuen und sehr alten Reproduktionstechniken hergestellt. Mit dem eigens entwickelten Verfahren der Schichtgravur auf Glas gelang der Befreiungsschlag.
Die ersten amtlichen Karten der Schweiz waren ein exklusives Produkt. Trotz bundesrätlich verordneter Preisreduktion kostete 1861 ein Blatt der Dufourkarte – dem damals aktuellen Kartenwerk – im Schnitt etwas über 3 Franken. Für diesen Betrag konnten in Zürich 6 kg bestes Rindfleisch gekauft werden. Ihr hoher Preis machte die amtlichen Karten für viele Schweizerinnen und Schweizer unerschwinglich; sie waren in erster Linie für Behörden und das Militär bestimmt.
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Neben den aufwendigen Vermessungsarbeiten war auch die kleine Auflage verantwortlich für die beträchtlichen Kosten der Dufourkarte. Beim Druck mittels gravierter Kupferplatten konnten nur 6 Kartenblätter pro Stunde hergestellt werden oder; von 1845 bis 1865 wurden knapp 58'000 Karten gedruckt. Bereits die Einführung der Lithografie im Jahr 1870 erlaubte die hundertfache Auflage pro Stunde und Maschine. Der Offsetdruck, welcher 1924 an der Landestopografie eingeführt wurde, steigerte diese Kapazitäten dann noch einmal auf 3500 Drucke pro Stunde und Maschine.
War das Problem der zeitaufwendigen und kostspieligen Kartenreproduktion also gelöst?
Nein, denn mit den neuen Druckpressen eröffnete sich ein neues Problem. Für jedes Kartenblatt bestand ein sogenanntes Kartenoriginal auf Kupfer oder Stein. Dieses garantierte den Nachdruck und die Aktualisierung eines Kartenblatts über Jahrzehnte. Daher musste das Kartenoriginal höchsten Anforderungen genügen: Es sollte präzise, langlebig und masshaltig sein. Die Masshaltigkeit war so definiert, dass sich das Kartenoriginal weder unter Feuchtigkeit noch bei Temperaturschwankungen ausdehnte. Im Bewusstsein, dass Karten wegen dem feuchtigkeitsanfälligen Papier nie masshaltig sein können, sollte zumindest das Kartenoriginal als Träger der in unzähligen Stunden zusammengetragenen Raumdaten der absoluten Präzision nahe sein.
Zur Zeit des Kupferdrucks war das Original mit der Druckplatte identisch; es war die gestochene Kupferplatte. Mit der Lithografie verschwand diese Einheit und es entstand mit den Umdruckern ein neuer Berufszweig. Sie übertrugen die weiterhin in Kupfer gestochenen Originale über ein nasses Umdruckpapier auf den Druckstein, später auch auf die Druckplatte aus Aluminium für den Offsetdruck.
Für die Genauigkeitsansprüche der Landestopografie war der Umdruck eine Katastrophe: Ein angefeuchtetes Blatt verzog die genauen Daten der Kartenoriginale im Druckprozess. Die Drucktechniker der Landestopografie verbesserten in den 1940er Jahren das Umdruckverfahren zwar qualitativ und verringerten durch neue Trägermaterialien die Abweichungen. Das gesamte Verfahren der Kartenherstellung blieb aber kompliziert und damit teuer.
Zu teuer, fanden einige. Die Bundesfinanzen waren nach dem Zweiten Weltkrieg in Schieflage und die ganze Verwaltung suchte nach Sparmöglichkeiten. Der vom Bundesrat für ein Gutachten beigezogene Kartografieprofessor Eduard Imhof kritisierte 1949 insbesondere doppelspuriges Arbeiten in der Originalherstellung:
Die Reinzeichnung einer Stichvorlage für 1 Normalblatt in der von uns beanstandeten Superqualität beansprucht einen Kartograph ca. 1 ¼ Jahre. Zum Stich im Kupfer bedarf ein Kupferstecher nochmals 1 ½ Jahre. Der eine oder der andere Arbeitsprozesse sollte ausgeschaltet oder mindestens eingeschränkt werden.
Imhof schlug vor, verstärkt auf das sogenannte Direkte Verfahren zu setzen. Hier wurde das von den Kartografen gezeichnete Kartenblatt direkt auf die Druckplatte kopiert. Die Kupfergravur zum Zweck der Originalherstellung wurde also ausgelassen, die gezeichnete Karte auf Papier war nun das Original. Imhof propagierte deshalb die mittelfristige Umschulung der Graveure zu Kartenzeichern.
Auch wenn die Landestopografie vorerst mitspielte und dem Bundesrat von der Umsetzung der Sparvorschläge berichtete, blieben einige Fragen offen. Mit den Graveuren sollte eine ganze Berufsgruppe, die seit 1838 in der Kartenherstellung zentral war, verschwinden. Und konnte das Direkte Verfahren tatsächlich den Ansprüchen der Landestopografie genügen? Bezüglich Masshaltigkeit und Langlebigkeit wurde der Originalträger Papier gegenüber dem Kupfer als Rückschritt angesehen. Und auch ein mit Tusche gezeichneter Strich auf Papier konnte doch nicht so scharf wie eine gravierte Linie in Kupfer sein?
Gleichzeitig war in dieser Phase der Weichenstellungen auch auf Kundenseite das Bedürfnis nach guten und günstigen Karten vorhanden. Waren die exklusiven Karten des 19. Jahrhunderts noch eine wichtige Grundlage für die Infrastrukturprojekte der Gründerzeit, wurden Karten ab 1950 mit gesteigertem Lebensstandard zu einer Grundlage des Tourismus und der Freizeitplanung.
1952 brachte der neue Direktor Simon Bertschmann frischen Wind an die Landestopografie. Er gab seinem Mitarbeiter Hans Stump den Auftrag, eine Lackschicht für Glas zu entwickeln, in die graviert werden könnte. Die farbgetrennt gravierten Glasplatten sollten dann fotografisch zusammengefügt und auf die Druckplatten kopiert werden.
Dieses Schichtgravur genannte Verfahren war keine neue Erfindung; andere Institute wendeten sie bereits seit Jahrzehnten an. Nur genügten die bisherigen Verfahren einmal mehr den Ansprüchen der Landestopografie nicht. Hans Stump aber reüssierte, und Kollegen entwickelten gleichzeitig neue Gravurinstrumente. 1953 schliesslich wurde die Schichtgravur auf Glas an der Landestopografie eingeführt.
Das neue Verfahren sorgte für eine kostensparende und beschleunigte Kartenproduktion und stiess auch international auf viel Interesse. Es wurde über 20-mal von Instituten und Einzelfirmen in Konzession genommen und fand damit weltweit Verbreitung. Die so erstellten Landeskarten genossen wegen ihrer Präzision und ihrem Stil hohes Ansehen. In der kartografischen Welt aufsehenerregende Projekte wie die Karte des Denali (Mount McKinley, 1960) oder des Grand Canyons (1978) entstanden unter Mitwirkung der Landestopgrafie mit Glasgravur.
In den 1950er Jahren war es der Landestopografie also tatsächlich gelungen, ihr Verfahren der Kartenreproduktion qualitativ zu verbessern und gleichzeitig kosteneffizient zu arbeiten. Dies erlaubte auch eine andere Preisgestaltung. Ein Kartenblatt der Landeskarte 1:25 000 kostete um 1960 3.50 Franken. Inflationsbereinigt wären das heute 15 Franken. Auch mit den gewachsenen Auflagen vermochte das Verfahren Schritt zu halten. 1963 wurden 1'101'700 Kartenexemplare verkauft, dazu kam noch einmal eine knappe Million Blätter für die Armee. Karten waren zu einem Gut geworden, das weit über die Amtstuben hinaus Verbreitung gefunden hatte.
Ihr Ende fand die Schichtgravur auf Glas wegen einem erneuten Technologiewechsel. Die Einführung der computerbasierten Kartografie 2001 bedeutete das endgültige Aus für die Glasgravur und das Gravurhandwerk im Allgemeinen.